Asylnetz Sigmaringen

Eine Familie findet sich wieder – in Sigmaringen

30. Oktober 2015

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Armin Nagel, Vikar der Seelsorgeeinheit Sigmaringen, berichtet von einem bewegenden Ereignis:

 

„Was ich heute erlebt habe, war so schön und bewegend, dass ich davon berichten möchte. Heute durfte ich an einer Familienzusammenführung mitwirken. Jede Woche donnerstags findet von 16.00-18.00 Uhr im Sigmaringer Fidelishaus das Café International statt. Einheimische und Flüchtlinge aus der Kaserne und den Gemeinschaftsunterkünften in Sigmaringen begegnen sich und können sich so etwas besser kennen lernen.

Heute kam ein junger Syrer aus der Kaserne auf mich zu. Da er weder Englisch noch Deutsch spricht, musste ein anderer Syrer übersetzen. Er selbst ist vor mehreren Wochen aus seiner Heimat geflohen. Das Problem war nun folgendes: Auch seine Frau und sein 2jähriges Kind sind zusammen mit seinem jüngeren Bruder – einige Wochen nach ihm – aus Syrien geflohen. Heute kamen sie wohl in Nürnberg an und versuchten dann mit der Bahn nach Sigmaringen durchzukommen. Ein Ticket konnten sie nicht lösen, denn zum einen hatten sie kein Geld dabei, zum anderen konnten sie kein deutsch oder englisch. Als sie bei der Fahrscheinkontrolle kein Ticket vorweisen konnten, hat der Fahrkartenkontrolleur die Polizei gerufen. Die Polizeibeamten brachten die Frau, das 2jährige Kind, und den Bruder ins Polizeirevier, um Fingerabdrücke zu nehmen. Soweit der Sachverhalt, den mir der Syrer im Café International heute Nachmittag aufgeregt und traurig geschildert hat.

Über das Handy des Syrers telefonierte ich daraufhin mit dem Polizeibeamten in Nürnberg (der das Handy der syrischen Ehefrau in der Hand hatte). Der Beamte war sehr freundlich und erklärte mir, dass die drei in 30 Minuten wieder entlassen würden. Aber das Problem: Sie können kein Englisch und kein Deutsch und sie haben kein Geld um sich ein Ticket zu kaufen. Und wenn sie sich wieder in einen Zug setzen und kein Ticket bei sich haben, wird sich die ganze Prozedur bei der nächsten Fahrkartenkontrolle wiederholen. Der Syrer sagte zu mir, er könne das Ticket für seine Frau, seinen 2jährigen Sohn und seinen Bruder bezahlen, das sei kein Problem.

Gott sei Dank hatte die Frau ein Handy dabei!!! Ich sagte dem Syrer, er solle seiner Frau via Handy mitteilen, dass sie zum Hauptbahnhof in Nürnberg gehen soll. In der Zwischenzeit bin ich mit ihm und einem anderen Syrer, der Englisch spricht und dolmetschen konnte, zum Sigmaringer Bahnhof gegangen. Ich habe dem Bahnangestellten am Schalter die Situation geschildert. Er war sehr freundlich und verständnisvoll. Dann hat der Ehemann seine Frau angerufen, die ihr Handy inzwischen am Schalter des Nürnberger Bahnhofs einer freundlichen Bahnmitarbeiterin weitergegeben hatte. Mit dieser netten Dame habe ich dann alles Weitere geregelt. Der Ehemann hat in Sigmaringen am Bahnhofschalter das Ticket bezahlt, das seiner Ehefrau von der nürnberger Bahnmitarbeiterin umgehend ausgehändigt wurde. Ich bat die Bahnmitarbeiterin noch um Entschuldigung für das etwas chaotische Hin und Her auf Englisch, Deutsch und Arabisch und dafür, dass das Ganze so lange gedauert hat und bedankte mich herzlich bei ihr. Sie meinte nur: „Ach wissen Sie, ich habe Zeit bis 21 Uhr, dann habe ich Feierabend. Und schließlich bin ich doch dafür da.“ Als ich dem Syrer mitteilte, dass seine Frau, sein Sohn und sein Bruder heute Abend um 22.00 Uhr in Sigmaringen ankommen würden, war er überglücklich.

Heute Abend um zehn war ich dann am Bahnhof und wurde Zeuge einer wunderschönen Szene: Eine syrische Familie, durch die Wirren des Krieges und der Flucht getrennt, endlich wieder vereint. Emotion pur. Im Kofferraum meines Autos hatte ich noch Kinderkleidung und Spielsachen, die mir meine Schwester heute Mittag  mitgegeben hatte. So brachte ich die überglückliche Familie mit meinem Auto vom Bahnhof in die Kaserne. Mohammed – so heißt der 2jährige Sohn – schaute mich mit großen, noch etwas ängstlichen Augen an, als ich ihm ein paar Plüschtiere und Kinderkleidung in seiner Größe überreichte. Und in den Augen der Eltern waren nur Tränen der Erleichterung und der Dankbarkeit. Wir verabschiedeten uns ohne viele Worte. Aber der Blick des Vaters und sein Händedruck sagten eigentlich alles.

Also: Ich hab heute mindestens 3 Dinge gelernt:

1) Handys sind überlebenswichtig für Flüchtlinge und auf der beschwerlichen Flucht unerlässlich und absolut notwendig!

2) Die Mitarbeiter der Deutschen Bahn in Sigmaringen und Nürnberg sind so was von locker und hilfsbereit. Das hat mich echt beeindruckt!

3) Gutes zu tun und andere Menschen glücklich zu machen, ist manchmal gar nicht soooo schwer“

 

(Beitrag von: Armin Nagel, katholische Seelsorgeeinheit Sigmaringen)

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