Asylnetz Sigmaringen

Zwischen Willkommen und Abwehr (1/4)

21. April 2016

In Sigmaringen bewegt sich etwas. Die sogenannte Flüchtlingskrise führt zu Veränderungen in unserer Stadt. Manche sind ganz offensichtlich, andere dagegen werden einem erst bei genauem Hinsehen bewusst. Thomas Arzner hat sich die Zeit genommen und in Sigmaringen ganz genau hingesehen. Für die Bistumszeitung des katholischen Erzbistums Freiburg „Konradsblatt“ war Arzner unterwegs und hat einen ausführlichen Artikel über die Flüchtlingssituation in Sigmaringen geschrieben. Er hat dabei mit vielen Beteiligten gesprochen und einige der Geschichten in seinem Artikel verarbeitet, der es lohnt auch außerhalb einer Zeitung veröffentlicht zu werden. In den kommenden Tagen werden wir den Artikel aufgeteilt in vier einzelne Passagen auf Asylnetz veröffentlichen.

 

Sigmaringen wächst. In der 16000-Einwohner-Stadt in Hohenzollern wurde in einer ehemaligen Kaserne eine Landeserstaufnahmestelle eingerichtet. Bis zu 3999 Flüchtlinge können dort unterkommen. Eine Situation, mit der die Menschen sehr verschieden umgehen.

Teil 1 von 4 unserer Serie

„Hallo“, Hallo“, „Hallo“, „Hallo“ … Andrea Huthmacher hat fast keine Gelegenheit zum Erzählen. Junge Männer mit dunkler Hautfarbe kommen ihr entgegen, Frauen mit Kopftuch und immer wieder rennen Kinder an ihr vorbei. Und alle grüßen die Sprecherin des Tübinger Regierungspräsidiums beim Gang über das weitläufige Gelände der früheren Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen. Es ist ein Nachmittag im Januar, blauer Himmel, der Schnee liegt noch auf dem Rasen. Die Szenerie wirkt friedlich, es gibt nicht viel zu tun für die Männer und Frauen von der Security mit den gelben Warnwesten.

Bis 2011 war dies der Standort der 10. Panzerdivision. Statt Soldaten leben hier jetzt Flüchtlinge: In Sigmaringen ist eine Landeserstaufnahmestelle (LEA) eingerichtet worden. Die Bewohner bleiben etwa sechs bis acht Wochen, bis klar ist, auf welche Kreise und Gemeinden sie verteilt werden. Es ist ein Kommen und Gehen, die Anzahl der Menschen, die in den Häusern leben, ändert sich täglich. 1201 Asylbewerber sind es heute, sagt Andrea Huthmacher, davon 500 Frauen und Kinder. Ausgelegt ist die LEA aber im Normalfall für 3460 Plätze. Im Herbst war diese Zahl fast erreicht, die Stockbetten in den Zimmern belegt. Wenn die ursprünglichen Pläne des Landes verwirklicht worden wären, hätte sich das Gelände noch weiter gefüllt. 1000 Menschen wollte man zusätzlich in einer Zeltstadt unterbringen. Dies alles in einem 16000-Einwohner-Ort wie Sigmaringen. Zum Vergleich: In Karlsruhe mit über 300000 Einwohnern leben in etwa genauso viele Flüchtlinge.

Eine Investition in den „Flüchtlingsstandort“

Dass ausgerechnet in Sigmaringen diese Landeserstaufnahmestelle eingerichtet wurde, hat vor allem einen Grund: Die Kaserne stand leer. Die Häuser sind, ein paar Jahre bevor die Bundeswehr weitestgehend abzog, für einen zweistelligen Millionenbetrag saniert worden. Eine, wenn auch unbeabsichtigte, Investition in den „Flüchtlingsstandort Sigmaringen“. Das Land bekommt den Wohnraum mietfrei vom Bund. Gründe genug also für die Behörden, in Sigmaringen eine LEA  einzurichten.

So stiegen die Zahlen derjenigen, die aus dem Irak, aus Syrien, aus Afrika in Hohenzollern Schutz suchten. Die Stimmung in der Stadt blieb recht ruhig, bis im Herbst die Zeltstadt-Pläne bekannt wurden. „Für viele in Sigmaringen sind mit diesem Schritt Grenzen überschritten worden“, sagt Karl-Arthur Unger, der stellvertretende Geschäftsführer des Caritasverbandes im Landkreis Sigmaringen. Die Angst sei hochgekrochen, dass die Zahl der Flüchtlinge die Stadt und ihre Einwohner überfordert.

Aber auch für die Flüchtlinge  wären Zelte keine gute Lösung gewesen, sagt Unger. Es hätte  Bewohner erster Klasse – diejenigen in den Häusern, und zweiter Klasse – diejenigen in den Zelten – gegeben. „Viele Flüchtlinge haben einen hohen Sinn für Gerechtigkeit“, sagt Unger. Selbst harmlosere Situationen können so schnell eskalieren. Bei einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ im Areal wären Streit und Auseinandersetzungen erst recht vorprogrammiert gewesen.

Die Proteste griffen, der Plan beerdigt und der Stadt zugesichert, dass nicht mehr als 3999 Menschen in der LEA auf dem Berg über der Innenstadt untergebracht werden. „Die Atmosphäre hier in Sigmaringen ist immer noch flüchtlingsfreundlich“, sagt Unger. Aber durch die Vorkommnisse im Herbst mehrten sich die Gegenstimmen – wie in den sozialen Netzwerken.

Jutta Wolf kann das bestätigen: Sie hat eine Facebookseite eingerichtet, „Für Toleranz in Sigmaringen“. Dort postet sie immer mal wieder über ihre Aktivitäten als Ehrenamtliche. Die Resonanz sei nicht nur positiv, erzählt sie. „Es gibt Leute, die auf der Seite schlechte Stimmung verbreiten. Das ging bis hin zu persönlichen Beleidigungen“, so die 35-Jährige. Manche frühere Bekannte redeten nicht mehr mit ihr. Einschüchtern lässt sie sich deswegen nicht. Im Internet hält sie dagegen. Und vor Ort organisiert sie mit anderen Ehrenamtlichen weiter das „Café Globus“. Es ist ein Asylcafé, wo sich einmal pro Woche Flüchtlinge und Einheimische treffen. Sie sind im Saal des Fidelishauses, der Geschäftsstelle des Caritasverbandes, untergebracht. Die Hilfe für ihr „Café Globus“ ist ungebrochen, mittlerweile kommen immer mehr Sigmaringer, um mit den Flüchtlingen zu reden, deren Deutsch zu verbessern, mit ihnen zu spielen oder nur, um einen Kuchen vorbeizubringen. „Das Engagement ist ein guter Einstieg ins Ehrenamt“, sagt Jutta Wolf.

 

Fortsetzung folgt schon morgen…

 

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