Asylnetz Sigmaringen

„Aber wir arbeiten daran, dass es besser wird.“

18. September 2016

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Die Zahl ist zwar deutlich zurückgegangen, aber es kommen noch immer Flüchtlinge in den Landkreis Sigmaringen. Dadurch ergeben sich sehr unterschiedliche Fragestellungen. Eine lautet: Wie können diese Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden?

 

Eine Frage mit vielen Fragezeichen und durchaus bürokratischen Hürden. Einer der versucht, Fragen zu beantworten und Hürden zu überwinden hilft, ist Jürgen Beck. „Anerkennungsberatung“ steht schlicht auf seiner Visitenkarte. Einmal in der Woche kommt er von Meßstetten nach Sigmaringen in die ehemalige Graf-Stauffenberg-Kaserne, die Erstaufnahmestelle des Landes für Flüchtlinge (LEA) ist. Sein Arbeitgeber ist In Via, ein katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit mit ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen. Dazu gehört das Kompetenzzentrum ausländische Berufsqualifikation. Dort soll überprüft werden, welche Ausbildungen ein Flüchtling hat, ob diese Berufe hier anerkannt sind und, ob Schul- und Berufsabschlüsse die gleichen Qualifikationen aufweisen, wie vergleichbare Abschlüsse in Deutschland.

Von der Sozialen Verfahrensberatung im Erdgeschoss eines Stabsgebäudes werden die Gespräche vorbereitet, die Jürgen Beck führen muss. Der 70-Jährige war früher Grund- und Hauptschullehrer, Schulleiter, Schulrat im damaligen Schulamt Sigmaringen und auch im Oberschulamt Tübingen eingesetzt. Er kennt das deutsche Bildungssystem und hat sich entschlossen, den Ruhestand vorerst auf Eis zu legen und sich für jene Menschen einzusetzen, die Schlimmes erlebt haben und hier auf eine gute Zukunft hoffen. Er macht dies in Einzelgesprächen, die Einfühlungsvermögen verlangen. Nur mit dem Abarbeiten eines Fragebogens ist die Arbeit nicht getan.

Welche Ausbildung wurde absolviert? Was gibt es für praktische Erfahrungen? Führerschein, Sprachkenntnisse? Und wie sieht es mit den Nachweisen aus? „Wenn jemand keine Dokumente hat, dann muss er versuchen, sich welche zu besorgen“, sagt Beck. Oft sei das sehr schwierig. Und wenn Nachweise vorhanden sind, dann sind die nicht in deutscher Sprache abgefasst. Beck sorgt für eine Übersetzung. Ohne solche dürfen auch Ärzte und Ingenieure nicht in Deutschland arbeiten. Und gerade diese Berufsgruppen sind es, die sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben.

Abitur ist fast schon Standard

Nuri stammt aus dem Irak und ist seit einem Jahr in der Bundesrepublik. Er ist in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht und spricht gut Deutsch. Der 21-Jährige lacht, als man ihm nach dem Alter fragt. „Ich bin alter Mann“, schmunzelt er. Jürgen Beck kennt ihn. „Er ist sehr motiviert“, und das sei bei den meisten Flüchtlingen so. In der Regel seien kaum Deutschkenntnisse vorhanden. Dann unterhält man sich in Englisch oder Französisch. Es gebe aber Leute, die in ihren Heimatländern bei deutschen Firmen gearbeitet haben. Als Beispiel nennt er den Siemens-Konzern, der auch in Syrien und im Irak vertreten war. Dort sei das Bildungsniveau höher als in anderen Herkunftsländern. „Abitur ist fast schon Standard“, sagt Beck.

Wer zu Beck kommt, tut dies freiwillig. „Am Info-Point hängt eine entsprechende Mitteilung“, erklärt der Berater, der über ein hilfreiches Netzwerk verfügt. Das ärgste für die Menschen sei es, zur Untätigkeit verdammt zu sein. „Aber wir arbeiten daran, dass es besser wird“, sagt der Berater, der sich nicht über mangelnde Arbeit beklagen kann. Enttäuschungen bleiben nicht aus. „Wenn jemand meint, ich könnte ihm eine Arbeitsstelle vermitteln, muss ich ihm erklären, dass ich das nicht kann.“ So auch dem Masseur aus einem afrikanischen Land, der fürchtet, seine manuellen Fähigkeiten zu verlieren, wenn er sie nicht anwenden kann. Auch er muss sich gedulden.

Verband In Via

In Via engagiert sich seit über 100 Jahren für junge Menschen, besonders für Mädchen und Frauen. Der Verband setzt sich für die Zukunft junger Menschen ein und vermittelt Bildungschancen, gibt Starthilfe und leistet ganz praktische Lebenshilfe. An über 20 Standorten in der Erzdiözese Freiburg werden jährlich etwa 20 000 junge Menschen beim Start in ein erfolgreiches Leben und etwa 115 000 Menschen in den Bahnhofsmissionen betreut.

Die Kompetenzzentren von In Via beraten und begleiten Personen mit ausländischen Berufsabschlüssen im Anerkennungsverfahren. Es ist eine Begleitung von der Antragstellung über notwendige Ausgleichmaßnahmen wie Praktika oder Kenntnisprüfungen bis zum Erwerb der vollen Anerkennung.

Informationen im Internet: www.invia-drs.de

 

(Beitrag von: Karlheinz Fahlbusch, erschienen im Südkurier)

 

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