Asylnetz Sigmaringen

Sie warten gespannt auf ihre Zukunft

28. September 2016

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Endamena Onapa Charles Audrey und Muammad Salem Ibrahin.

 

Kameruner und Afghane arbeiten ehrenamtlich auf dem Kasernengelände in Sigmaringen. Viele Flüchtlinge eignen sich ihre Sprachkenntnisse mithilfe des Smartphones an.

Wer die Gelegenheit hat, in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne einen Rundgang zu machen, dem fällt auf, dass sehr viele der hier untergebrachten Flüchtlinge mit Handys unterwegs sind. Da auf dem Gelände WLAN zur Verfügung steht, ist das eine günstige Möglichkeit, Kontakt mit Angehörigen aufzunehmen. Oder mittels entsprechender Apps die deutsche Sprache zu erlernen.

So wie Muhammad Salem Ibrahimi. Der 19-Jährige stammt aus der afghanischen Provinz Kundus und ist vor fünf Monaten und drei Wochen nach Deutschland gekommen, wie er erzählt. Will man sich mit ihm unterhalten, dann braucht man keinen Dolmetscher. Muhammad spricht schon sehr gut Deutsch. Mehrere Stunden am Tag verbringt er damit, sich die Sprache anzueignen. „Mit der Schrift wird das aber sehr schwer“, sagt er. Dabei überlegt er sich jedes Wort genau. Er will keinen Fehler machen.

In seinem Heimatland hat er bis zur zehnten Klasse eine Schule besucht, was sicher nicht die Regel sein dürfte. Und er hat auch ein festes Ziel, wenn man ihn nach seinen Zukunftswünschen fragt: „Ich würde gerne studieren“, sagt er. Vielleicht Politikwissenschaft. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Und der führt ihn täglich in die Kantine. Dort arbeitet er 20 Stunden in der Woche und bekommt dafür jeweils 1,05 Euro. Nicht gerade viel, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland einen Mindestlohn gibt, der um ein Mehrfaches darüber liegt. „Das ist in Ordnung so“, sagt Muhammad. Es sei ja auch keine schwere Arbeit, die Tische abzuwischen und darauf zu achten, dass es in der Kantine sauber ist. Die Tätigkeit des Afghanen wird als ehrenamtlich eingestuft und mindert deshalb nicht das Taschengeld.

„Die müssen echt zuverlässig sein“

„Die Beiden gehören zu unseren zuverlässigsten Leuten“, sagt Naim Imeri. Er ist für die Europeen Homecare GmbH (EHC) der Einrichtungsleiter in Sigmaringen. EHC ist ein privatwirtschaftlich organisierter sozialer Dienstleister. Derzeit werden rund 20 000 Asylbewerber, Flüchtlinge und Obdachlose in über 100 Unterkunftseinrichtungen von European Homecare betreut. Imeri ist seit dem Februar vergangenen Jahres in Sigmaringen. Er hat in Deutschland studiert und selbst einen Migrationshintergrund. Er stammt aus Mazedonien, ist aber in Deutschland aufgewachsen. Er sorgt dafür, dass diejenigen Flüchtlinge, die einen Ein-Euro-Job haben wollen, diesen auch bekommen. „Die müssen echt zuverlässig sein“, sagt der Einrichtungsleiter. Man müsse sich darauf verlassen können, dass sie ihre Arbeit auch machen.

Bei Muhammad sei das gar kein Problem. Und auch nicht bei Endamera Omana Charles Audrey aus Kamerun. Der 18-Jährige hat in seinem afrikanischen Heimatland eine Schule für Elektriker besucht. Im Juni 2015 kam er zusammen mit acht anderen Leuten mit einem Ruderboot über das Mittelmeer von Marokko nach Spanien. Jeden Tag kehrt er von 9 bis 11 Uhr die Gehwege und Plätze auf dem weitläufigen Kasernengelände. Für ihn ist das in Ordnung. „Der Tag ist lang“, sagt er. Wenn möglich besucht er Freunde im „Gelben Haus“ im Stadtteil Laiz. Meistens zu Fuß. Denn leider gibt es in der Kaserne keine Fahrräder für die Flüchtlinge. „Das hat versicherungstechnische Gründe“, sagt Brigitte Samtner-Kempf die für das Regierungspräsidium Tübingen in Sigmaringen für die Pressekontakte zuständig ist.

Der junge Mann aus Kamerun ist vor etwa sieben Monaten nach Sigmaringen gekommen. Jedoch nicht aus Spanien, sondern aus Dortmund. Dort war er bei einer Pflegefamilie untergebracht. Und warum ist er jetzt in Sigmaringen gelandet? Grund ist die Gesetzeslage. Unter 18 Jahren gilt man als „Uma“, also so genannter „unbegleiteter minderjähriger Ausländer“, und fällt in die Zuständigkeit des Jugendamtes. Das sorgt für eine Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung oder einer Pflegefamilie. Mit der Volljährigkeit fällt diese Möglichkeit dann weg und der Betroffene kommt in eine Erstaufnahmeeinrichtung. Edamena hat in Dortmund schon fleißig Deutsch gelernt und bereits den A1-Schein in der Tasche. „Weiter die Sprache lernen“, ist für ihn von enormer Wichtigkeit. Seine ehemalige Pflegefamilie hat ihn übrigens schon in der Kreisstadt besucht. „Das war sehr schön“, sagt er mit einem gewinnbringenden Lächeln.

 

(Beitrag von: Karlheinz Fahlbusch, erschienen im Südkurier)

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