Asylnetz Sigmaringen

Ein irakischer Flüchtling hilft Flüchtlingskindern Deutsch zu lernen.

9. Oktober 2016

 

Die bewegende Geschichte eines sprachbegabten jungen Mannes aus dem Irak und sein wirkungsvolles Konzept.

 

Der 22-jährige irakische Flüchtling Noori Mato unterrichtet in der Erstaufnahme als Ehrenamtlicher in der DRK Kinderbetreuung Flüchtlingskinder. Sein Konzept ist wirkungsvoll, weil er sehr sprachbegabt ist und so arabisch sprechende, kurdisch sprechende oder englisch sprechende Nationen gleichermaßen ansprechen kann. Er sagt selbst über sich, dass er neue Sprachen spielend leicht lernt. In seinem Heimatland besuchte er das Gymnasium. Seine Geschichte ist beeindruckend und traurig. In seinem Engagement steckt Hoffnung.
Jeden Nachmittag trifft sich Noori Mato im ersten Stock der DRK Kinderbetreuung in einem Schulraum mit rund 10-15 Flüchtlingskindern und bringt ihnen Deutsch bei. Die Schülerinnen und Schüler erhalten Blätter mit in Deutsch beschriebenen aus dem Leben gegriffenen Situationen wie Arztbesuch oder Einkauf, die sie lernen. Sie üben Dialoge und Lesen und sie lernen die Aussprache. Dabei wechselt Noori mühelos von der einen in die andere Sprache, erklärt deutsche Worte und Sachverhalte zum Verständnis nochmals kurz auf arabisch, kurdisch oder englisch.  Die Schüler lernen schnell. Sie haben sichtlich Spaß am Unterricht. Seiner Meinung nach auch deshalb, weil er sie nicht unter Druck setzt: „Wenn sie etwas falsch sagen, korrigiere ich nicht gleich alles. Das würde demotivieren. So lernen sie einfach munter weiter und freuen sich über ihren Erfolg. Sie lernen durch Wiederholen.“  Der Unterricht von Noori Mato ist kein Ersatz für den Schulunterricht, aber er ist eine wunderbare Möglichkeit, jungen Flüchtlingen erste Deutschkenntnisse zu vermitteln und sie zum Weiterlernen zu motivieren. So ist auch eine der ersten Fragen, die mir als Besucherin des Deutschunterrichts von einem Flüchtlingsjungen gestellt wird: „Wann darf ich in die deutsche Schule?“
Wer die Geschichte von Noori Mato liest, fragt sich, woher so viel Kraft für ein Engagement kommen kann, wenn man selbst einen solchen Leidensweg hinter sich hat. Seine Geschichte hat Noori Mato aufgeschrieben:
„Am 3. August 2014 wurde meine Heimatstadt Sinjar vom sogenannten „Islamischen Staat“angegriffen. Sinjar liegt im Norden Iraks und ist bekannt als die Heimat der Jesiden. Tausende Menschen wurden bei diesem Angriff getötet, Frauen und Mädchen gekidnapped und als Sexsklavinen verkauft und ausgebeutet. Der Großteil der jesidischen Bevölkerung flüchtete danach nach Syrien und in die Türkei. Zusammen mit meiner Familie war ich unter den Flüchtenden, die in die Türkei aufbrachen. Dort wurden wir in verschiedene Notunterkünfte verteilt. Eines davon war das Nusaybin Camp. Dort waren über 5000 Menschen untergebracht, viele davon Kinder und Kranke. Wir versuchten unsere Leute zu unterstützen und diese furchtbare Situation zu überstehen. Zusammen mit meinen Freunden und meinem Bruder halfen wir mit, Schulen auf Initiative von UNICEF mit aufzubauen. Ergänzend boten wir Englischunterricht für Erwachsene an. Insgesamt besuchten mehr als 1000 Schüler den Unterricht. Wir taten alles, um unsere Leute, die sehr unter den traumatisierenden Erlebnissen litten, weiterhin zu ermutigen. Vor allem den Lehrern, die freiwillig in den jesidischen Camps in der Türkei Unterricht hielten, sind wir sehr dankbar für ihre Hilfe.
Kurz darauf veränderte sich die Lage in der Türkei aufgrund politischer Spannungen zwischen der türkischen Armee und den kurdischen Freiheitskämpfern der PKK. Viele der Geflüchteten machten sich nun auf den Weg nach Europa, vor allem nach Deutschland.
Nach meiner Ankunft in Deutschland im April 2015 begann ich so schnell wie möglich, Deutsch zu lernen und alles über dieses Land herauszufinden. Dies war sehr schwer. Einfach alles war anders – die Menschen, die Sprache, die Kultur. Trotz allem lernte ich beharrlich weiter und versuchte mein Bestes. Im Juli 2015 wurde ich nach Sigmaringen verlegt, um dort mein Leben aufzubauen. Bald begann ich, in der Erstaufnahme als Übersetzer in der Sozialberatung (Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie, Caritas) zu arbeiten. So konnte ich zum einen anderen Flüchtlingen helfen, zum anderen konnte ich durch die Arbeit im Team unter Deutschen viel lernen. Die zentrale Stellung von Humanität ist dabei das wichtigste, was ich mitgenommen habe.
Es ist einem großen Zufall zu verdanken, dass ich hier in Deutschland einige meiner Schüler wieder getroffen habe. Mittlerweile fahren wir mit dem Unterricht fort und ich bin überglücklich zu sehen, dass sie nun zur Schule gehen und ein weitgehend normales Leben führen können.
Letztlich möchte ich jedem danken, der mich bis hierher unterstützt hat. Meinen tiefsten Respekt und Dank all jenen.“

 

(Beitrag von: Alexandra Freund-Gobs, Deutsches Rotes Kreuz)

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