Asylnetz Sigmaringen

Schlimm, schön, kompliziert

12. Dezember 2016

 

Wir werfen einen Blick auf einen Mann, der von Anfang an in der Flüchtlingsarbeit aktiv war. Er hat viele Erfahrungen gesammelt. Er kennt viele Facetten: Was schön ist, was schwierig ist, was schlimm ist, was kompliziert ist…

Martin Rose ist evangelischer Pfarrer in Mägerkingen. Er berichtete im Erzählcafé in Melching gemeinsam mit Franz Xaver Ott vom Lindenhoftheater von seiner Zusammenarbeit mit Flüchtlingen und den Erfahrungen, die er mit diesen Menschen gemacht hat.

schön ist…

…„Plötzlich hörte man immer wieder Leute aus der Gemeinde sagen, sie hätten heute ihre alte Jacke gesehen“, erzählt Rose.  Als die Flüchtlinge ankamen, war es kurz vor dem Winter. Viele dieser Menschen kamen ohne Jacke, nur mit leichter Kleidung und Sandalen an den Füßen. Eine Sammelaktion brachte den Menschen warme Sachen. Das war ein bisschen wie Weihnachten.

erschreckend ist…

…Rose erzählt von Cem: Vor kurzem rief ihn der Schlepper an, der Schlepper, der ihm zur Flucht verholfen hat. Am Telefon Cems schreiende Verlobte. Der Schlepper droht Cem, die Verlobte weiter zu schlagen, zu misshandeln, wenn er nicht umgehend 3000 € überweist. Das geht auch jemandem wie Rose durch Mark und Bein.

schwierig ist…

…Sprache ist das A und O. Sprache ist alles! Dabei ist es gar nicht so einfach den richtigen Sprachkurs zu finden. Denn die Unterschiede zwischen den Flüchtlingen sind enorm. „Es gibt Menschen, die sind komplette Analphabeten, und dann gibt es Menschen, die haben einen Uni Abschluss. Sitzen alle zusammen in einer Klasse kommt es schnell zu dem Konflikt zwischen Unter- und Überforderung“, erklärt Rose.

anstrengend ist…

Es gibt manchmal Differenzen zwischen einigen Flüchtlingen. Für uns sehen Flüchtlinge alle gleich aus. Doch sie kommen von unterschiedlichen Ländern und Kulturen, die oft im Konflikt miteinander stehen.

erfreulich ist…

„Das war eine riesige Herausforderung. Alle fragten sich, wie wir das hinbekommen sollten.“ Mittlerweile gibt es um die 70 aktive ehrenamtliche Helfer in dem Ort. Vieles hat sich eingependelt. Dieses Engagement ist wahnsinnig wichtig.

kompliziert ist…

…Die meisten Flüchtlinge stehen unter einem extremen Druck von zuhause. Oft haben viele Verwandte das Geld für die Reise eines Einzelnen zusammengelegt. Dieser fühlt sich nun, als sei er so vieles schuldig. Will Geld in die Heimat schicken. Doch hier angekommen, müssen viele Flüchtlinge einsehen, dass es überhaupt nicht so einfach ist, wie sie es sich sehnlichst erhofft haben. „Diese Wünsche entstehen durch die Not. Sie denken nicht daran, dass es hier vielleicht anders sein könnte. Oftmals ist es vor allem der Wunsch, endlich ein neues und besseres Leben führen zu können“, erläutert Rose.

schlimm ist…

Rose erzählt von Junis: „Als wir einmal zusammen gegessen haben, hielt er diesen Überfluss an Essen kaum aus. Er erzählte mir dann von seinem Bruder, der sich gerade von Gras ernähren muss, da es in ihrer Stadt nichts anderes mehr gibt.“ Das ist kaum auszuhalten: Man hat es selbst geschafft, und in der alten Heimat ist bei dem Nachbar gerade eine Bombe in das Haus eingeschlagen.

bereichernd ist…

Rose sagt, dass sein Leben schöner geworden ist. Als er im Krankenhaus lag, waren es seine neuen Freunde, die ihn als erste besucht haben. Auch sein Umfeld hat sich verändert. Seit 20 Jahren lebt er in Mägerkingen. Durch die Flüchtlinge lernte er die Menschen um ihn herum nochmal ganz neu kennen. Besonders viele junge Menschen zeigen großes Engagement und sehen die Chance, neue Dinge zu erfahren.

Nicht einfach zu verstehen ist…

Wir nicken zwar immer und glauben erfassen zu können, was diese Menschen durchgemacht haben. Doch was bedeutet es wirklich, ein ganz neues Leben von  Null an zu beginnen? Und was ist in jedem einzelnen Leben passiert – wirklich passiert -, um all die Gefahren, die Herausforderungen und die Ungewissheit einer Flucht auf sich zu nehmen?

 

 

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