Asylnetz Sigmaringen

Interview: Ein Zahnmediziner aus Syrien (1/4)

15. Januar 2017

Um seine Identität zu schützen, wollte Matt sich nicht fotografieren lassen. Hierbei handelt es sich um ein Archivbild aus unserer Fotodatenbank.

Alle Menschen, die ihren Weg nach Sigmaringen gefunden haben, haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dies ist eine davon. Teil 1: Ankunft.

 

Matt, der eigentlich anders heißt, ist studierter Zahnmediziner und sunnitischer Muslim. Er wohnt momentan als Asylsuchender in der Erstaufnahme in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen. Er hat mit uns über seine ungewöhnliche Situation, das Leben in Syrien und das deutsche System zur Flüchtlingsaufnahme gesprochen. Um seine Identität zu schützen, sind die Ortsnamen teilweise geändert.

Hallo Matt, seit wann bist du in Deutschland und wie lief deine Flucht ab? 

Ich bin seit November 2015 in Deutschland. Allerdings bin ich nicht wie viele andere syrische Flüchtlinge absichtlich geflohen, meine Situation hat sich erst später unglücklicherweise so ergeben. Im November letzten Jahres bin ich als Student nach Deutschland gekommen, um dort meine Studien in Nordrhein-Westfalen fortzusetzen.

Davor lebte ich einige Zeit in einem nordafrikanischen Land und habe dort an der deutschen Botschaft ein Studenten-Visum bekommen. Ich kam also gar nicht mit dem Ziel hierher, ein Flüchtling zu sein, sondern als Student – hätte ich gewusst, dass ich später zum Flüchtling werden würde, hätte ich diese Reise gar nicht erst angetreten.

Das Visum galt für drei Monate, danach würde es sich in eine Aufenthaltserlaubnis umwandeln. In dieser Zeit müsste ich einen festen Wohnort mit eigener Adresse für den behördlichen Schriftverkehr finden, um dann die Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, ansonsten würde das Visum – normalerweise – erneut um drei Monate verlängert werden.

Allerdings konnte ich in den ersten drei Monaten trotz ausgiebiger Suche keine Wohnung in meiner Stadt finden. Als ich eine Verlängerung meines Visums beantragen wollte, wurde ich abgewiesen, was ich nicht verstehen konnte, schließlich bemühte ich mich, eine Wohnung zu finden – ich wollte nur die Regeln befolgen. Im Endeffekt ging es nur um diesen Briefkasten, damit ich registriert werden könnte.

Ich hatte dann nach Ablauf des Visums noch 90 Tage Zeit, einen Wohnort zu finden. Ich habe daraufhin auch in kleineren Städten um den Ort meines Studiums gesucht. Glücklicherweise habe ich in diesem Zeitraum dann eine Wohnung gefunden. Nach 86 Tagen, also vier Tage vor Ablauf der letzten Frist, besuchte ich erneut die Ausländerbehörde, diesmal hatte ich alle nötigen Papiere und eine Adresse. Die Rezeptionistin ließ mich zum zuständigen Sachbearbeiter vor und sagte mir, dass ich eventuell ein Problem hätte.

Der Sachbearbeiter sagte ebenfalls, dass er mich zwar für eine Aufenthaltserlaubnis registrieren könne, dies sei aber möglicherweise mit Problemen verbunden. Meine zweite Option wäre gewesen, ein neues Visum einzuholen – da die deutsche Botschaft in Syrien jedoch geschlossen ist, hätte ich nach Jordanien, in die Türkei oder in den Libanon müssen.

Während er mir das erklärte, ließ er mich in seinem Computer das Gesetz einsehen, das besagte, dass ich nach Ablauf meines Visums noch 90 Tage Zeit hätte, mich bei der Ausländerbehörde registrieren zu lassen.

Er sagte mir, dass ich diese Zeit bereits hätte verstreichen lassen. Ich war geschockt konnte das nicht glauben, deswegen zählte ich mehrmals von Hand nach – es waren seit Ablauf meines Visums noch keine 90 Tage vergangen. Ich bat ihn, selbst noch einmal nachzuzählen, darauf entgegnete der Sachbearbeiter, dass dies nicht diskutierbar sei. Ich fragte dann, ob ich das schriftlich haben könne, mit Name und Datum, um später beweisen zu können, dass ich nicht zu spät war. Er lehnte ab und sagte, er könne mir ein solches Dokument nicht ausstellen. Eine solche Situation habe ich nicht einmal in Syrien, einem korrupten Dritte-Welt-Land, erlebt – ich war wirklich geschockt.

Als ich die Chefin des Sachbearbeiters aufsuchte und darauf ansprach, sagte sie mir, dass ich zwei Möglichkeiten habe: Entweder würde ich, wie von ihrem Mitarbeiter vorgeschlagen, ein neues Visum bei einer deutschen Botschaft in Jordanien, in der Türkei oder im Libanon beantragen, oder mich als Flüchtling registrieren lassen, um in Deutschland bleiben zu können. Ich fragte sie, ob sie eher jemanden brauche, der Steuern zahlt, oder jemanden, der Steuergelder in Anspruch nimmt. Sie bestand darauf, dass ersteres für mich keine Option wäre.

Ich ging mit dieser Geschichte zu einer Studienberaterin der dortigen Universität, die mir dann zu meiner Überraschung erzählte, dass ich nicht der einzige mit einem solchen Problem sei. Vier oder fünf andere syrische Studenten seien ebenfalls bei kleineren Komplikationen gezwungen worden, sich als Flüchtlinge zu registrieren, um in Deutschland bleiben zu können.

Ich legte mir einen Anwalt zu, da ich diese Lage nicht dulden wollte.

Nachdem ich also die Situation evaluiert hatte, blieben einige Optionen. Ich hätte vor Gericht ziehen können, um meine Aufenthaltserlaubnis einzuklagen, dies wäre ohne schriftlichen Beleg wohl aber nicht erfolgreich gewesen. Da die anderen Möglichkeiten alle nicht zu meiner Zufriedenheit waren, war ich letzten Endes gezwungen, mich als Flüchtling registrieren zu lassen.

 

Die Darstellungen lassen sich im Nachhinein von uns nicht überprüfen. Dass es zu einem Behördenfehler gekommen ist, kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Die Antworten und Ausführungen zeigen aber: Das Vorgehen ist kompliziert. Das Verfahren, alle Fristen, Anträge und Zuständigkeiten zu durchschauen, fällt nicht leicht.

 

Fortsetzung folgt…

Die im Interview beschriebenen Situationen und Erfahrungen lassen sich nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Das Interview ist unzensiert und gibt grundsätzlich die persönliche Meinung des Interviewpartners und nicht der Redaktion wider.

(Bericht von: Asylnetz-Reporter Johannes Schrön)

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