Asylnetz Sigmaringen

Interview: Ein Zahnmediziner aus Syrien (2/4)

16. Januar 2017

Um seine Identität zu schützen, wollte Matt sich nicht fotografieren lassen. Hierbei handelt es sich um ein Archivbild aus unserer Fotodatenbank.

Alle Menschen, die ihren Weg nach Sigmaringen gefunden haben, haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dies ist eine davon. Teil 2: Syrien.

Matt, der eigentlich anders heißt, ist studierter Zahnmediziner und sunnitischer Muslim. Er wohnt momentan als Asylsuchender in der Erstaufnahme in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen. Er hat mit uns über seine ungewöhnliche Situation, das Leben in Syrien und das deutsche System zur Flüchtlingsaufnahme gesprochen. Um seine Identität zu schützen, sind die Ortsnamen teilweise geändert.

 

(Fortsetzung von Teil 1)

Wie war das Leben für dich und deine Familie in Syrien, bevor der Krieg begann?

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals einem Teil der Regierung in Syrien vertraut hätte, was für meine und viele Familien normal war. Weder dem aktuellen Präsidenten, Bashar al-Assad, noch seinem Vorgänger und Vater, Hafiz al-Assad (syrischer Staatspräsident von 1971 bis 2000, d. Red.), haben wir vertraut.

Man muss sich das so vorstellen: In Syrien sind 75 Prozent der Bevölkerung sunnitische Muslime, während ein großer Teil der politischen Eliten von alawitischem Glauben ist (religiöse Sondergemeinschaft, schiitischer Teil des Islams, d. Red.).

In der Armee, in der jeder während eines zweijährigen Wehrdienstes dienen muss, ist es verboten zu beten, man wird also aktiv an der Ausübung der eigenen Religion gehindert. Die Regierung ist gegen den Islam, es gibt keine Religionsfreiheit.

Was die Wirtschaft betrifft, ist die Situation gar nicht mal so schlecht: Man kann gut leben, jedoch tut auch hier die Regierung ihr mögliches, um die Leute klein zu halten. Will man ein Haus bauen, braucht man dafür verschiedene offizielle Genehmigungen, die aber kaum an Privatpersonen vergeben werden – es sei denn, man hat eine einflussreiche Person hinter sich oder genug Geld, um die Behörden zu ‚motivieren‘.

Ich würde sagen, dass rund 90 Prozent der staatlichen Behörden Alawiten sind. Man wird keine einzige Institution finden, in der kein Alawit tätig ist.

Diese Annahmen und Vorwürfe können aufgrund der aktuellen Situation nur schlecht überprüft werden. Es ist jedoch Fakt, dass zwischen den Alawiten und Sunniten schon lange ein Konflikt herrscht und dass viele Schlüsselpositionen in der syrischen Regierung durch Alawiten besetzt sind.

 

Du sagst also, dass der größte Teil der Bevölkerung nicht durch den Staat repräsentiert ist?

Für die 75 Prozent der sunnitischen Muslime gibt es keinen, der ihre Interessen vertritt.

Meine Familie und ich, wir wollen und bekommen keine Unterstützung von der Regierung.

Hier in Deutschland kann jeder, sobald er 18 Jahre alt ist, eine eigene Wohnung mieten, studieren oder arbeiten gehen und sein eigenes Leben leben. In Syrien bereitet uns die Regierung in solchen Fällen alle möglichen Schwierigkeiten.

Wir hassen die Regierung, das kann man schon so sagen.

Meine Familie ist deswegen in der ganzen Welt verstreut, und unser Problem ist nicht das Geld, sondern die Sicherheit und die Politik. Mein Onkel lehrt seit 35 Jahren an der Pariser Universität, er hat die französische Staatsbürgerschaft angenommen. So ähnlich ist es auch bei meiner Tante, die in Saudi-Arabien lebt. Meine andere Tante lebt in den USA, und mein Cousin ist nach Australien emigriert. Mein jüngerer Bruder sollte in die Armee eingezogen werden und war gezwungen, in den Sudan zu fliehen – momentan versuche ich, ihn auf legalem Wege als Schüler nach Deutschland zu holen.

Bei allen meinen Freunden ist es dasselbe, man findet es wirklich selten, dass die ganze Familie in Syrien lebt (lacht).

Laut Statistiken leben rund 15 Millionen Syrer im Ausland, während in Syrien rund 23 Millionen Menschen leben.

Diese Millionen Syrer würden nicht ihre Heimat verlassen, wenn sie die Regierung mögen und ihr vertrauen würden, oder?

2008 gab die damalige syrische Ministerin für Diaspora-Angelegenheiten, Bouthaina Shaaban, an, dass rund 15 Millionen Menschen mit syrischen Wurzeln im Ausland leben würden. Die Ziffer liegt mittlerweile vermutlich deutlich höher, da durch den Krieg sehr viele Syrer zur Auswanderung gezwungen wurden.

 

Fortsetzung folgt…

Die im Interview beschriebenen Situationen und Erfahrungen lassen sich nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Das Interview ist unzensiert und gibt grundsätzlich die persönliche Meinung des Interviewpartners und nicht der Redaktion wider.

(Beitrag von: Asylnetz-Reporter Johannes Schrön)

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