Asylnetz Sigmaringen

Interview: Ein Zahnmediziner aus Syrien (3/4)

17. Januar 2017

Um seine Identität zu schützen, wollte Matt sich nicht fotografieren lassen. Hierbei handelt es sich um ein Archivbild aus unserer Fotodatenbank.

 

Alle Menschen, die ihren Weg nach Sigmaringen gefunden haben, haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dies ist eine davon. Teil 3: Politik.

Matt, der eigentlich anders heißt, ist studierter Zahnmediziner und sunnitischer Muslim. Er wohnt momentan als Asylsuchender in der Erstaufnahme in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen. Er hat mit uns über seine ungewöhnliche Situation, das Leben in Syrien und das deutsche System zur Flüchtlingsaufnahme gesprochen. Um seine Identität zu schützen, sind die Ortsnamen teilweise geändert.

 

(Fortsetzung von Teil 2)

Ein Großteil der Syrer ist also nicht nur wegen dem Krieg geflohen, sondern auch aus politischen oder religiösen Gründen?

Nein, es geht hier nicht um die politische Situation, sondern um den Krieg. Die Leute fliehen, weil die Regierung jeden einzelnen in den Krieg involvieren will. Bevor ich 2013 für Studienzwecke von Syrien nach Nordafrika gereist bin, besuchte mich ein Vertreter der Regierung zuhause, um mich zu überzeugen, in der Armee zu dienen. Ich dachte mir: Was soll ich in der Armee? Unschuldige Leute töten? Daran wollte ich mich nicht beteiligen.

Mein Bruder, ein Doktor, war für den Roten Halbmond (Äquivalent zum Roten Kreuz in arabischen Ländern, d. Red.) im Einsatz. Das Ziel dieser Organisation ist es, Leuten zu helfen und sie medizinisch zu versorgen. Die syrische Regierung konnte dies aber nicht akzeptieren – obwohl er nur Opfer des Krieges behandelte, wurde er für gut fünf Monate inhaftiert und gefoltert.

Auch dies kann nicht bewiesen werden, jedoch steht fest, dass es in der Vergangenheit zu Verhaftungen, Luftangriffen, Schüssen oder auch Folter gegen Freiwillige des Roten Halbmondes gekommen ist.

Der Rote Halbmond hat sich mittlerweile dazu entschieden, seine Aktivitäten in einigen Teilen Syriens einzustellen, da die Organisation nach eigener Aussage keinen Schutz von der syrischen Regierung erhalten hat, die eigentlich dafür zuständig ist, für die Sicherheit der Freiwilligen zu garantieren.

Das Regime hat die Organisation als „nicht vertrauenswürdig“ und „nicht neutral“ eingestuft.

Laut den Aktivisten sind bereits einige der Freiwilligen getötet oder festgenommen worden.

 

Warum reagiert die syrische Regierung nicht auf die vielfachen Forderungen von westlichen Politikern, solche und ähnliche Repressionen gegen humanitäre Hilfe zu unterlassen?

Politik funktioniert vielleicht in der westlichen Welt, in Europa oder in Amerika. In meinem und in anderen arabischen Ländern kann die Politik nichts bewirken. Die einzige Sprache, die bei Politikern Eindruck hinterlässt, ist Macht.

(verwirrte Blicke vom Interviewer, Matt lacht): In Deutschland lebt ihr in einer anderen Welt, das könnt ihr nicht verstehen. Ich bin nicht überrascht von meiner Regierung, sie haben meine Erwartungen sozusagen erfüllt.

Es gibt auf YouTube eine Rede einer syrischen Studentin, die einen Studienplatz an der amerikanischen Elite-Universität Harvard bekommen hat – sie sagt, dass einem in Syrien sogar die Wände zuhören (lacht wieder). Seit 40 Jahren geht das schon so.

 

Ist das Versagen der Politik in arabischen Ländern ein Problem der Religion? Kann es an den Unterschieden in den Glaubensrichtungen liegen?

 Nein, ich denke nicht – es ist ein Problem der Mentalität. Selbst wenn Bashar al-Assad bekennender Sunnit wäre, könnte ich ihn in seiner aktuellen Form nicht akzeptieren. Ein Präsident sollte sich auch wie ein Präsident verhalten, und das tut er nicht.

Vielleicht ist Religion auch eine untergeordnete Ursache für das Unwohlsein vieler Syrer, aber sobald du gegen die Regierung sprichst oder handelst, spielt es keine Rolle, welcher Glaubensrichtung du angehörst, du wirst in jedem Fall sehr schlecht behandelt.

 

Fortsetzung folgt…

Die im Interview beschriebenen Situationen und Erfahrungen lassen sich nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Das Interview ist unzensiert und gibt grundsätzlich die persönliche Meinung des Interviewpartners und nicht der Redaktion wider.

(Beitrag von: Asylnetz-Reporter Johannes Schrön)

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