Asylnetz Sigmaringen

Interview: Ein Zahnmediziner aus Syrien (4/4)

18. Januar 2017

Um seine Identität zu schützen, wollte Matt sich nicht fotografieren lassen. Hierbei handelt es sich um ein Archivbild aus unserer Fotodatenbank.

 

Alle Menschen, die ihren Weg nach Sigmaringen gefunden haben, haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Dies ist eine davon. Teil 4: Sigmaringen.

Matt, der eigentlich anders heißt, ist studierter Zahnmediziner und sunnitischer Muslim. Er wohnt momentan als Asylsuchender in der Erstaufnahme in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen. Er hat mit uns über seine ungewöhnliche Situation, das Leben in Syrien und das deutsche System zur Flüchtlingsaufnahme gesprochen. Um seine Identität zu schützen, sind die Ortsnamen teilweise geändert.

 

(Fortsetzung von Teil 3)

Wie geht es dir selbst hier in Sigmaringen in deiner Situation?

(lacht) Mir geht es, den Umständen entsprechend, sehr gut. Ich habe eine schöne Zeit – allerdings nicht mit den Leuten in der Erstaufnahme. Es macht Spaß, als Dolmetscher und Hilfsarzt in der Zahnklinik in der Kaserne arbeiten zu können. Bald werde ich auch mit Volleyball anfangen, aber leider nur zwei Stunden pro Woche.

 

Wie siehst du die Behandlung von Flüchtlingen durch die deutsche Bevölkerung?

Die Sache ist die: In Deutschland gibt es viele unterschiedliche Menschen, richtig? Und genau so ist es auch außerhalb von Deutschland, in Syrien und in jedem anderen Land der Welt.

Ich persönlich würde Syrien nie verlassen, wenn es eine andere Option gäbe.

Viele Flüchtlinge, die aus Ländern kommen, in denen kein Krieg herrscht, sagen sich: ‚Mein Leben ist nicht so gut‘ oder ‚die Wirtschaft ist nicht so gut‘, und gehen nach Europa, um sich dort als Flüchtlinge registrieren zu lassen. Ich selbst habe Syrien nicht freiwillig verlassen, ich bin durch einen Fehler gezwungen worden, mich als Flüchtling zu registrieren.

 

Findest du deshalb, manche Flüchtlinge sollten nicht nach Deutschland kommen?

Bevor ich zum Flüchtling wurde, habe ich in einer Wohngemeinschaft mit drei Deutschen gelebt. Einem von ihnen, Julian, einem Brillenträger, wollte ich einmal einen Text auf meinem Smartphone zeigen, und er konnte ihn nicht lesen. Ich habe ihn gefragt, wieso er keine neue Brille bei der Versicherung beantragte. Er antwortete, dass die Versicherung ihm nur alle zwei Jahre eine neue Brille zahlte – durch seine Kurzsichtigkeit bräuchte er aber jedes Jahr eine neue. Ich fragte ihn, warum er sich dann nicht selbst eine neue Brille kaufte, worauf er antwortete, dass er sich das – für 200 Euro, alle zwei Jahre – nicht leisten könne.

Da musste ich an jemanden denken, den ich in Deutschland kennen gelernt habe, er war damals seit zwei oder drei Jahren als Flüchtling registriert. In dieser ganzen Zeit hatte er nicht den Sprachtest für das Level ‚A2‘ bestanden, und die Regierung hatte ihm über eintausend Sprachstunden bezahlt. Das machte mich damals sehr wütend: Julian bekommt von der Regierung nur alle zwei Jahre eine neue Brille, obwohl er sie dringend für den Alltag braucht, und der Flüchtling, der schon so lange in Deutschland ist und das A2-Level nicht schafft, verschwendet so viel Geld der Regierung.

Julian, dem ich davon erzählte, versuchte, meinen Bekannten zu verteidigen, er sagte, vielleicht ist seine Lernfähigkeit ja eingeschränkt, weil er im Krieg schlimme Dinge erlebt hatte. Obwohl das sogar der Fall war, wusste ich durch meine Bekanntschaft mit dem Flüchtling, dass das nicht der Grund war. Er hat nicht einmal versucht, Deutsch zu lernen – manchmal hat er aus Faulheit den Deutschkurs geschwänzt.

Ich denke deshalb, dass Deutschland sein System ändern muss. Viele Dinge sind einfach unlogisch, und manche Leute versuchen deshalb, diese Lücken im System zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen.

Auch Matt macht sich Gedanken. Ihm ist klar, dass Gelder für die Versorgung von Flüchtlingen in Deutschland nicht grenzenlos sind. Was sollte jedem Flüchtling gewährt werden und was nicht? Was ist unbedingt notwendig und was vielleicht zu viel? Eine heikle Frage. Matt weiß, dass dies nicht immer leicht zu entscheiden ist.

 

Gibt es Bräuche oder Gewohnheiten, an die du dich in Deutschland nur schwer gewöhnen kannst?

Nein, ich persönlich habe da nicht so viele Schwierigkeiten mit solchen Dingen. Was das Wetter betrifft, sind wir ja nicht in Skandinavien, die Temperaturen sind also auszuhalten und auch der frühe Sonnenuntergang ist nicht so schlimm.

Allerdings kann ich mich nur schwer an einige der Vorschriften gewöhnen. Ich wollte neulich einen weitläufigen Verwandten von mir in einer Stadt außerhalb des Landkreises besuchen, er ist dort als Flüchtling untergebracht. Dafür hätte ich eine Genehmigung gebraucht, da ich aber nur weitläufig mit ihm verwandt bin, habe ich diese nicht bekommen. Deswegen bin ich dann einfach ohne diese Genehmigung gereist, und es konnte ja gar nicht auffallen, da ja nicht protokolliert wird, wer wohin geht, sondern nur, wer wie lange aus der Erstaufnahme weg ist. Hätte ich also Böses im Sinne gehabt, hätte ich das problemlos umsetzen können, da ja niemand den Grund meiner Abwesenheit protokolliert.

Während ich kein Problem habe, Regeln zu befolgen, solange ich ihren Sinn verstehe, fällt es mir schwer, Vorschriften zu beachten, deren Ziel ich nicht durchschaue.

 

Was sind deine langfristigen Pläne für die Zukunft?

Mein nächstes Ziel ist, meinen Flüchtlingsstatus loszuwerden und danach als normaler Student auf legalem Wege mein Studium zu beenden.

Auf langfristige Sicht halte ich es für wahrscheinlich, dass ich nach Syrien zurückkehre, sobald dort die Lage wieder einigermaßen stabil ist.

 

Viele Deutsche assoziieren deine Religion, den Islam, mit Extremismus. Hältst du das für gerechtfertigt?

Diese Frage möchte ich mit einem Vergleich beantworten. Wenn man in Deutschland als Arzt tätig sein möchte, braucht man eine Approbation, die man bekommt, wenn man eine Universität besucht und sich umfassend mit dem Thema befasst hat. Würden Sie sich von einem Arzt behandeln lassen, der seine medizinische Ausbildung aus Videos und Bildern aus dem Internet hat? Ich denke, keiner würde einem solchen ‚Arzt‘ wirklich vertrauen.

Wer Arzt sein will, geht zur Universität, und wer über eine Religion urteilen will, muss sich dafür erst einmal ausführlich mit der Religion befassen. Man muss ja nicht gleich Islamwissenschaften studieren, aber ich erwarte von jedem, dass er zumindest den Koran liest, bevor er über den Islam urteilt.

Leute, die alles glauben, was sie im Internet sehen oder aus Geschichten hören, sind Idioten. Leute, die den Islam aufgrund von Halbwissen automatisch mit Extremismus verbinden, sind naiv und dumm.

Auch wenn ich altklug klinge – das sagen sogar meine Freunde, und ich bin auch ein bisschen stolz darauf – möchte ich dem Leser zum Schluss auch noch etwas mitgeben: Lassen Sie nicht andere Leute das Denken für Sie erledigen, sondern nutzen Sie ihr eigenes Gehirn!

 

Matt, danke für das Gespräch.

 

Die im Interview beschriebenen Situationen und Erfahrungen lassen sich nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Das Interview ist unzensiert und gibt grundsätzlich die persönliche Meinung des Interviewpartners und nicht der Redaktion wider.

 

(Beitrag von: Asylnetz-Reporter Johannes Schrön)

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