Asylnetz Sigmaringen

Deutsche Sprache Schwere Sprache

29. Januar 2017

 

Carmen Ritzinger unterrichtet Deutsch für Frauen in der Erstaufnahmestelle. Ein Beitrag von Karlheinz Fahlbusch.

 

Fröhliches Kindergeschrei und Frauen, die sich in Arabisch und Deutsch unterhalten. Auf den Tischen Schulhefte und Stifte, didaktisches Material für die Vorschule, Memory- Spiele und Buchstaben-Lotto. „Eine Art Kindergarten“, denkt der unbeteiligte Besucher. Hier gibt es nur Frauen und Kinder und viele Kopftücher. Es herrscht eine entspannte und friedliche Atmosphäre. Mittendrin steht Carmen Ritzinger. Die 48-jährige gelernte Krankenschwester ist als Sozialbetreuerin der Hilfsorganisation European Homecare tätig.

Noch vor einigen Jahren wurden in diesem Gebäude Rekruten in Staatsbürgerkunde unterrichtet. Das war, als die Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen noch Sitz der 10. Panzerdivision war und in den großen Hallen Leopard- Panzer standen. Heute sind hier nur noch ganz wenige Dienststellen der Bundeswehr zu finden. In den Hallen herrscht Leere, in den Mannschaftsunterkünften wohnen Menschen aus Syrien, aus Afghanistan, dem Irak und aus afrikanischen Staaten wie Nigeria oder Mali. Die Kaserne ist heute eine Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Und sie wird es, wenn es nach dem Willen der Landesregierung geht, auch noch einige Jahre bleiben.

681 Menschen sind hier derzeit untergebracht, darunter 100 Frauen. Was die Flüchtlinge neben ihrem oft tragischen Schicksal verbindet, ist ein gemeinsames Problem. „Deutsche Sprache– schwere Sprache“, weiß eine junge Muslima. Den Satz hat sie irgendwo gehört und mittlerweile erfahren, dass er zutrifft. Vor allem dann, wenn man nicht lesen und schreiben kann oder nur das arabische Alphabet beherrscht. Sie schreibt mittlerweile kleine Sätze in ihr Heft. Sie ist erst zwei Wochen in Sigmaringen, ihr Kind ist drei Jahre alt. Sie fühlt sich sehr wohl in dieser Gruppe und ist gerne hier. „Macht auch Spaß“, sagt sie mit einem breiten Lächeln. Sobald ihr Verfahren abgeschlossen ist, darf sie zu ihrem Mann nach Ravensburg ziehen. Der ist schon seit einem Jahr in Deutschland, hat ein Bleiberecht und hat unlängst eine Berufsausbildung angefangen.

Tradition setzt Grenzen

Die 44-jährige Layla zeigt stolz sieben Finger als Antwort auf die Frage nach ihrer Kinderzahl. Sie fungiert auch als Dolmetscherin, hat hier die deutsche Schrift gelernt und möchte später arbeiten. „Ich möchte selbstständig sein“, sagt sie. Ob ihr Mann das auch so sieht, ist offen. „Aber viele Männer unterstützen es, wenn ihre Frau hierher kommt“, sagt Carmen Ritzinger. Immer werktags von 8 bis 16.30 Uhr sitzen die Frauen hier und lernen, während im gleichen Raum die Kinder im Alter bis zu drei Jahren spielen. Sie alle wissen, dass das Erlernen der deutschen Sprache die Grundlage ist für ein besseres Leben in ihrer neuen Heimat.

Das Beschäftigungsmaterial wurde von Bürgern gespendet. Die Mittagspause dauert eine halbe Stunde. Es kommt schon mal vor, dass sich bis zu dreißig Mütter mit ihren Kindern hier treffen. Diesmal sind es deutlich weniger. Manche Ehemänner finden es nicht gut, wenn ihre Frauen mit Männern in Kontakt kommen. So manche Tochter wird auch vom Vater oder einem Bruder gebracht und wieder abgeholt. Die Sinnhaftigkeit des Angebotes wird aber nicht in Frage gestellt. Zumal hier auch noch ganz einfache lebenspraktische Dinge vermittelt werden. Darunter der Umgang mit wunden Babys. Ritzinger muss oft erklären, dass es in Deutschland Hilfsmittel gibt, die frei verfügbar sind. Und sie gibt auch Hinweise für eine richtige Ernährung von Kindern. „Dass die Milch mit Wasser verdünnt wird, ist bei uns nicht nötig“, sagt sie.

In Krisengebieten, wo das Milchpulver knapp ist, ist es für die Kinder ganz normal, dass man verdünnen muss. „Ich mache den Frauen immer wieder deutlich, dass sie versuchen müssen, so selbstständig wie möglich zu sein“, sagt die Sozialbetreuerin. Nur dann hätten sie auch eine wirkliche Chance in Deutschland.

Dass die deutsche Sprache hierfür eine Grundvoraussetzung ist, haben die Frauen erkannt, die hier sitzen und Buchstaben schreiben, Wortkärtchen den entsprechenden Bildern zuordnen und dem Besucher gegenüber gerne demonstrieren, dass sie schon eine ganze Menge gelernt haben. „Ich danke Deutschland, ich danke für Carmen“, schreibt Layla auf ein Blatt Papier. Sicher wird ihr dieser Deutschkurs im Gedächtnis bleiben. Sie wird mit ihrer Familie nach Bad Mergentheim gehen. Was sie in Sigmaringen lernt, kann sie dort gut nutzen.

 

(Beitrag von Karlheinz Fahlbusch, Südkurier vom 03.01.2017)

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