Asylnetz Sigmaringen

Stationen für eine bessere Zukunft

13. Februar 2017

Regina Dechant, Marina Kuzina, Jenny Rau, Folashade Ajoke Olaywola, Virginia Falivena, Eucharie Chinebeere und Ina Prinz (von links) arbeiten gemeinsam im Kleiderlager. Virginia und Folshade sind Flüchtlinge und tun es freiwillig. Für diese gemeinnützige Tätigkeit erhalten sie einen Stundenlohn in Höhe von 80 Cent. Die Arbeit ist aber auch eine gute Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen. Bis es so weit ist, müssen Neuankömmlinge aber einige Stationen durchlaufen. Bilder: Karlheinz Fahlbusch

 

Karlheinz Fahlbusch begleitete für den Südkurier Folashade Ajoke Olayiwola. Sie zeigt verschiedene Stationen, die in der Erstaufnahmestelle durchlaufen werden müssen. Teil 1 unserer mehrteiligen Serie „Stationen für eine bessere Zukunft“.

Eine hoch gewachsene Frau kommt mit erwartungsvollem Blick zum Treffpunkt. Folashade Ajoke Olayiwola kann am 8. November ihren 29. Geburtstag feiern. Aber nicht in ihrer Heimat Nigeria, sondern im hohenzollerischen Sigmaringen. Hier teilt sie sich mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern ein Zimmer in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne. Zwei Jahre alt sei ihr Sohn und die Tochter ist vier, erklärt sie in englischer Sprache. Die ehemalige Textilverkäuferin hat sich bereit erklärt, für den SÜDKURIER die Stationen ihrer Ankunft nochmals nachzugehen. Dazu braucht sie nicht lange in ihrem Gedächtnis forschen, denn sie ist mit ihrer Familie erst vor zwei Monaten von Hamburg gekommen. Europäischen Boden haben die Olaywolas erstmals in Italien betreten. Die Strapazen einer Bootsüberfahrt über das Meer ist der Familie erspart geblieben. Sie kam mit dem Flugzeug aus Nigeria. Gerade noch rechtzeitig, bevor Islamisten den Familienvater töten konnten. „Wir sind Christen“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. Sie erzählt Dinge, die man kaum glauben kann. So wollte man sie in Italien zur Prostitution zwingen. Hier in Deutschland fühle man sich nun endlich sicher. Und vielleicht besteht ja auch die Chance, dass ihr Mann einen Job bekommt, wenn die Familie in Deutschland bleiben darf. Er ist Möbeltischler. Doch jetzt geht es erstmal zur Hauptwache, um die Ankunft nachzustellen.

Dafür bekommen wir einen Koffer, damit es auch echt aussieht. Was wirklich auffällt ist, dass die Mitarbeiter von European Homecare (EHC), die vielfältigen Aufgaben auf dem Gelände der Erstaufnahmestelle übernommen haben, sehr freundlich und korrekt sind. Und alle Fragen werden bereitwillig beantwortet. Warum vom Truppenübungsplatz neben der Kaserne allerdings mehrfach Gewehrfeuer zu hören ist, kann niemand erklären. Der Besucher muss den Kopf schütteln. Es sind hier viele Menschen traumatisiert. Ein Teil der Kaserne ist durch einen hohen Zaun abgeteilt. Dahinter befinden sich Einrichtungen der Bundeswehr wie das Sanitätszentrum. Der Rundgang über die acht Stationen wird von Birgitta Samtner-Kempf begleitet. Sie ist für das Regierungspräsidium Tübingen hier als Pressebetreuerin zuständig. Sie führt über das Gelände, das riesig und verwirrend gleichzeitig ist. Viele Gebäude sehen ähnlich aus. Eine Orientierung ist nicht immer einfach. Da sind die rund 660 Flüchtlinge deutlich im Vorteil. Noch vor einem Jahr waren es rund 2 600 Menschen, die hier Zuflucht gesucht haben. „Heute sind 15 Prozent Kinder und 17 Prozent weiblichen Geschlechts“, antwortet Samtner auf die entsprechende Frage, bevor der nächste Anlaufpunkt erreicht ist.

 

Fortsetzung folgt…

 

Beitrag von Karlheinz Fahlbusch, Südkurier 257/2016.

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