Asylnetz Sigmaringen

Wir müssen reden – kriminelle Asylbewerber

10. April 2017

Uns erreichen immer wieder Emails: Fragen, Kritik, Verwunderung, manchmal auch Vorwürfe. Das ist auch absolut in Ordnung! Für uns ist das nun der Anlass, zu einigen Punkten Stellung zu beziehen. Wir haben das Gefühl: Wir müssen reden!

Flüchtlinge sind kriminell! Und viele fragen uns nun: Verschließt man in den „Helferkreisen“ die Augen vor diesen Tatsachen? Vielleicht fragen auch Sie: Wollen die vielen ehrenamtlichen Helfer die bittere Wahrheit nicht wahrhaben?

Die Kriminalstatistik 2016, die vor einigen Tagen veröffentlicht wurde, lässt keinen Zweifel: Die Kriminalität in Sigmaringen ist gestiegen (hier zum Nachlesen). Von 1200 Straftaten sind 465 Straftaten auf Flüchtlinge zurückzuführen. Davon wurden 237 Straftaten im Stadtgebiet Sigmaringen ausgeführt. Das sind genau 465 Straftaten zu viel. Keine Frage! Und jetzt: Alle zum Teufel jagen?

Kriminalität und – auch eine Stufe darunter schon – schlicht asoziales Verhalten seitens der Flüchtlinge ist eine Ohrfeige für alle Engagierten. Eine glatte Ohrfeige, wenn man so will. Es verärgert uns und macht uns sicherlich noch wütender als all jene, „die es ja schon immer gesagt haben“. Auch wir sind genervt. Aber wissen Sie, was noch mehr nervt? Menschen, die ernsthaft denken, wir und alle Helfer würden uns täuschen, ja sogar um den Finger wickeln lassen. Eigentlich ein beleidigender Vorwurf! Glauben Sie wirklich, die Helfer, die da mitanpacken, seien dermaßen ideologisch verblendet, dass sie einfach zu blind sind, um die Realität zu erkennen? Ich kann Sie beruhigen: Die Helfer, die Freiwilligen, die Ehrenamtlichen haben einen klareren Blick auf die Dinge als jeder, der sich aus zweiter und dritter Hand informiert. Die Helfer sind hautnah dabei. Das sind eigentlich alles schwäbische Schaffer, die das Leben kennen und sich nichts vormachen lassen. Sie verbringen viel Zeit im unmittelbaren Kontakt mit den Asylbewerbern. Jeder macht auch frustrierende Erfahrungen. Aber – und das ist entscheidend: Das Positive überwiegt. Auch nach zwei Jahren werden die meisten Ihnen bestätigen: Es lohnt sich mitzuarbeiten und es ist richtig mitanzupacken. Auch nach 465 Straftaten durch Flüchtlinge: Die Überzeugung steht. Handeln ist besser als Schimpfen. In der Erstaufnahme sind noch – greifen wir eine realistische Zahl aus der Luft – 782 andere. 782 Flüchtlinge, die keine Straftaten begehen. Klar hat man eine Wut auf Kriminelle. Gott sei Dank ist die Polizei mit einer beeindruckend guten Aufklärungsquote hinterher (67,7 % ist besser als im Land, und weit besser als im Bund). Aber anders als vielen anderen, gelingt es uns, zu unterscheiden.

Wir haben einen klaren Vorteil: Wir erleben auch den restlichen Teil der Realität:

Ich ganz persönlich habe noch keinen Mann getroffen, der mir den Handgruß verweigert hätte (ich fordere schon immer bewusst dieses Zeichen des Respekts ein). Ich habe ein junges Mädchen aus Kobane kennengelernt, die jetzt mit größter Leidenschaft bei meinem Vater im Betrieb mitarbeitet. Ich habe Mohamed kennengelernt, der mich in den Sonntagsgottesdienst nach St. Johann begleitet hat und mir erklärt, es gebe eh nur einen Gott. Wir haben Kontakt zu dem ehemaligen Leiter der Stadtwerke aus Aleppo, der mit seiner Frau und den beiden Kindern hier gestrandet ist und bei einem Bier (Allah drückt da wohl ein Auge zu) erzählt, wie er über drei Wochen hinweg mit Unsummen an Lösegeld seine Familie aus der Stadt schmuggelte. Er stand im Kugelfeuer (und ich glaube nicht, dass er sich diese Details alle ausgedacht hat).

Natürlich! Das sind jetzt die Sternstunden persönlicher Erfahrungen, aber sie sind eben auch Teil der Realität. Welcher Mix aus Geschichten der Realität am nächsten kommt, das vermag keiner zu beantworten: Wir nicht und Sie nicht. Die Wahrheit liegt – wahrscheinlich wie immer – irgendwo in der Mitte. Wir haben uns gegründet mit dem Ziel, die Fälle herauszustellen, die keinen Skandal beinhalten. Über einen Dieb wird schnell gesprochen, über eine Person x, die sich in jeder Hinsicht unauffällig verhält – das liegt in der Natur des Unauffälligen – nicht. In den Helferkreisen verschließt man nicht die Augen vor Tatsachen – man erkennt nur aus ganz persönlicher tagtäglicher Erfahrung, dass es auch dutzende positive „Tatsachen“ gibt.

Die Wahrheit liegt immer irgendwo dazwischen. Es gibt noch 782 andere. Es ist richtig, mitanzupacken.

 

(Autorin: Anna Härle, Asylnetz Sigmaringen)

 

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