Asylnetz Sigmaringen

Plötzlich Oma von sechs geflüchteten Menschen

7. Mai 2017

 

Uyi Aumufua aus Nigeria hat einen besonderen Draht zu Casny – Ausstellungseröffnung seiner Bilder am 2. April

Sigmaringen – Die 68 Jahre alte Bärbel Casny hat 23 Jahre lang den ruhenden Verkehr in Sigmaringen kontrolliert und liest heute noch zur Verbesserung ihrer Rente für die Stadtwerke den Strom ab. Ihre Leidenschaft aber galt und gilt der Malerei. Als der Alte Schlachthof gegründet wurde und sich die „Mittwochsfrauen“ mit dem damaligen Leiter Wolfang Roth zum Kunstschaffen getroffen haben, gehörte sie dazu. Damals hat sie mit der Aquarellmalerei, wie sie sagt, begonnen und sie ist diesem Hobby treu geblieben bis heute.

Als jetzt so viele geflüchtete Menschen nach Sigmaringen kamen, erinnerte sie sich an die Flucht ihres Vaters aus dem Sudetenland, heute Tschechien, und wie ihr alleine wegen ihres Nachnamens ständig deutlich gemacht worden war, dass sie nicht dazu gehöre. Bärbel Casny wollte helfen, meldete sich im Begegnungszentrum des DRK und seit Februar 2016 arbeitet sie dort jeden Dienstag mit in der Näherei, wo an über zehn Nähmaschinen gespendete Kleider umgeändert werden. Sie näht selbst, hilft da und dort weiter und wenn sie kommt, fallen ihr die Menschen dort um den Hals und freuen sich. Keine einzige negative Begegnung fällt ihr ein.

Im Sommer 2016 kam Uyi Aimufua (25) in die LEA. Er stammt aus Nigeria, fiel auf, weil er ständig mit Holzkohle und Bleistift malte und er bekam deshalb im Begegnungszentrum einen kleinen Raum zugewiesen, wo er ungestört malen konnte. Dort sind auch die beiden großen Bilder entstanden, die den Raum der Stille in der LEA schmücken. Bärbel Casny interessierte sich für die Malerei des jungen Mannes. Sie hat dessen Arbeit bewundert und ihn zur Hobbyausstellung der Gemeinde Sigmaringendorf eingeladen. Sie vermittelte ihm dort zwei Stellwände. Uyi Aimufua hat für seine Arbeiten große Aufmerksamkeit erhalten.

Besonders sein Angela Merkel-Porträt hat die Ausstellungsbesucher angesprochen. Abends hat der junge Künstler dann ein wenig aus seinem Leben erzählt. Seine Mutter sei bei der Geburt gestorben, sein Vater als er sechs Jahre alt war. Er habe schon als Kind immer gemalt. Mit zwölf Jahren habe er sein Leben selbst organisieren müssen, sei bei Freunden untergekommen, er habe gar niemanden. „Dann bin ich jetzt deine Oma“, bot sich Bärbel Casny an. Uyi weinte, sie umarmten sich: „Und so ist es jetzt!“

Bärbel Casny hat offensichtlich enorme Omaqualitäten. Schon zuvor wurde sie zur Oma eines jungen Syrers, der durch ihre Vermittlung nun bei einer sehr freundlichen Familie in Bad Saulgau wohnt. Jeden Morgen schreibt er ihr immer noch eine SMS: „Guten Morgen, meine Oma!“, jeden Abend: „Gute Nacht, meine Oma!“ So halten es auch der nigerianische Zahnarzt Ola, der mittlerweile in Ulm seine Deutschkenntnisse verbessert und sein Examen anerkennen lassen will und der Medizinstudent Jamal aus Marokko, der in Karlsruhe abwartet, wie es bei ihm weiter geht. Für das jetzt acht Monate alte syrische Mädchen Nazik ist sie auch zur Oma geworden. Bei deren Geburt war sie dabei und sie nahm das neugeborene Kind als erste in ihre Arme.

Und da ist noch der Michael, der ebenfalls wie Uyi aus Nigeria kommt, schwer traumatisiert ist und der immer mit Uyi zusammen war, bis dieser vor acht Wochen nach Kupferzell verlegt wurde. Jede Woche sind die beiden, für die sie nicht nur Oma, sondern auch Patin ist, einmal zum Essen zu ihr nach Hause gekommen und haben dabei solch eine Freude gezeigt, obwohl sie doch gar keine gute Köchin sei. Eines Tages habe Uyi ihr ein großes Porträt, das er von ihr gemalt hat, mitgebracht mit dem Prädikat am unteren Rand: Beste Oma. „Ja, er ist wie mein Kind!“ bestätigt Bärbel Casny und strahlt große Zufriedenheit aus.

 

(Von Werner Knubben, erschienen in der Schwäbischen Zeitung)

Share on FacebookTweet about this on TwitterEmail this to someone