Asylnetz Sigmaringen

Regeln, die für alle gelten.

7. September 2017

Es sind oft Missverständnisse, die zu Problemen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen führen. Der Wunsch nach Verständnis stößt da auf Grenzen, wo solche überschritten werden.  

Melanie Müller, die Integrationsbeauftragte des Kreises Sigmaringen, Sanja Mühlhauser und Manuela Friedrich vom Caritas Sozialdienst für Flüchtlinge in Sigmaringen, Lucia Braß von der Caritas Flüchtlingsarbeit Biberach-Saulgau und Claudia Lamprecht, Integrationsbeauftragte der Stadt Sigmaringen, haben deshalb ein Informationsangebot entwickelt, das man durchaus als Pilotprojekt bezeichnen kann. In mehreren Modulen sind Themen wie Umzugstraining, Energiesparen, Gesundheit, Grundrechte und Pflichten und auch der Umgang mit der Bürokratie Inhalte von knapp zweistündigen Angeboten. Die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Kulturen. Was sie verbindet, das sind Kenntnisse in der englischen Sprache. Und deshalb fungiert Manuela Friedrich auch als Übersetzerin beim Thema „Typisch Deutsch“. Dabei geht es nicht um Begriffe wie Lederhose, Sauerkraut und Blasmusik, die den Deutschen weltweit zugeschrieben werden, sondern um Umgangsformen, Tugenden und Werte. „In Deutschland gibt es viele Regeln für vieles“, erklärt Friedrich und fügt hinzu: „Der Vorteil an den Regeln ist, dass sie für alle gelten und dadurch auch dazu beitragen Sicherheit zu gewährleisten im Umgang miteinander.“

„Doch das ist gar nicht immer so einfach, auch für die Einheimischen nicht“ merkt Claudia Lamprecht an und lässt das nächste Bild auf der Leinwand erscheinen. Die Integrationsbeauftragte der Stadt Sigmaringen arbeitet gerne mit Darstellungen, bei denen man sofort erkennen kann, um was es geht.  „Eine Regel besagt, dass ich etwas tun muss oder darf“, erklärt sie. Nicken bei den Zuhörern. Das kennt man auch aus der Heimat. Nur: So manche Regel ist dort ganz anders als im fremden Deutschland.  Und manchmal ist es auch so, dass das Nichteinhalten einer Regel auch sanktioniert wird. „Bei Rot über die Ampel, das kostet Geld“, werden die Flüchtlinge aufgeklärt. Und auch, dass eine Begrüßung nicht immer gleich ausfällt. Es sei ein Unterschied, ob man einen Freund mit einem lockeren Hallo begrüßt, oder ob man bei der Ausländerbehörde „guten Tag“ sagt.  Und wie ist es mit einem Kuss zur Begrüßung? „Nein“, sagt Manuela Friedrich.  Ein oder mehrere Wangenküsse seien nur unter guten Bekannten oder Freunden üblich. Und ganz wichtig: Beim Händeschütteln, das übrigens auch in vielen afrikanischen Staaten üblich ist, schaut man sich in die Augen. „Augenkontakt ist ganz wichtig“, sagt die Sozialarbeiterin vom Caritasverband. Und sie erklärt auch, dass sich Deutsche bei einer Begegnung in der Regel nicht viel Zeit lassen.  Man habe nicht immer Zeit für ein Gespräch. Das sei keine Unhöflichkeit oder Ablehnung, sondern der Lebensart geschuldet. „Deutsche haben keine Zeit. Sie haben immer nur Arbeit im Kopf“, sagt ein junger Mann aus Afrika. Friedrich und Lamprecht sprechen die Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, die Aufmerksamkeit gegenüber älteren, behinderten oder kranken Menschen, Schwangeren und Müttern mit Kindern an. Jemand berichtet von Erfahrungen im Bus. Er hat einem alten Mann seinen Sitzplatz angeboten, doch der blieb lieber stehen.

„Pünktlichkeit ist sehr wichtig“, macht die Integrationsbeauftragte deutlich. Könne man einen Termin nicht einhalten, dann solle man unbedingt anrufen.

Frau Friedrich macht noch auf ein weiteres Thema aufmerksam. Gerade wenn man alleine unterwegs ist und es kommt einem eine größere Gruppe entgegen und diese dann auch noch laut ist, evtl. alkoholisiert, dann schüre das Ängste.

„Und wenn eine Frau lächelt, dann will sie nur freundlich sein. Und sonst nichts“, macht Claudia Lamprecht deutlich. Die überwiegend männlichen Zuhörer nicken verstehend mit dem Kopf. „Bei uns zu Hause ist das nicht so. Da muss man wirklich umdenken“, sagt einer leise. Wie seine Kollegen findet er den Infoabend interessant. „Deutschland ist etwas kompliziert für uns. Aber wir lernen“, sagen zwei Männer aus Gambia. Fazit: Es gibt noch viel zu tun. Aber bekanntlich ist nichts unmöglich.

(Beitrag von Manuela Friedrich, Caritas Verband Sigmaringen)

 

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