Asylnetz Sigmaringen

Die Kehrseite der Medaille – alles hat zwei Seiten

12. Mai 2018

 

Ein Gespräche kann viel offenbaren.


Ende April, es war mal wieder Montag und somit auch wieder Café Globus. Für alle, denen das Café Globus nichts sagt: das Café Globus ist ein Begegnungstreff für Sigmaringer und Geflüchtete und für jeden, den es ebenfalls interessiert. Und ich bin da sowas wie die gute Seele, zumindest hoffe ich das doch. 😉 Als der Caritasverband damals auf mich zu kam und mich fragte, ob ich Interesse daran hätte mich auch außerhalb der virtuellen Welt zu engagieren in der ich sonst aktiv bin, war ich sofort Feuer und Flamme für dieses Projekt. Ich finde es wichtig Räume zu schaffen, um sich kennenzulernen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Meine Devise dabei lautet „Miteinander anstatt übereinander sprechen“. Und daher hat mich das Café Globus sofort begeistert und gemeinsam haben wir die Vorraussetzungen geschaffen und losgelegt. Seitdem findet montags das Café statt und die Menschen kommen, führen Gespräche, spielen miteinander, lernen Deutsch oder besprechen alltägliche Situationen oder gehen gemeinsam durch Post, die nicht verstanden wurde.

Gestern kam ein guter alter Bekannter mal wieder. Er hatte endlich neben seiner Arbeit die Zeit gefunden uns mal wieder zu besuchen. Es handelt sich um den jungen Iraker N., der ein reines Sprachtalent ist. N. gehört zudem der jesidischen und deswegen verfolgten Minderheit im Irak an. Aufgrund seiner großen Sprachbegabung und seinen eigenen Erfahrungen ist N. neben seinem eigentlichen Job viel in ganz Deutschland unterwegs und klärt über die Situation der Jesiden und allgemein der Flüchtlinge in unserem Land auf. Dies tut er auf Einladung an Schulen, Universitäten und auch Kongressen.

Gestern hat er sich aber glücklicherweise die Zeit genommen und ist ins Café Globus gekommen. Das Gespräch mit ihm war sehr interessant, aber machte mich zeitweise doch sehr nachdenklich und betrübt. N. trifft aufgrund seiner Tätigkeit viele andere Flüchtlinge, sei es hier in Sigmaringen oder auch in anderen Städten. Er hat mir gestern erzählt, dass es für viele Flüchtlinge schlimm ist, wenn sie erfahren, dass sie nach Sigmaringen verlegt werden. Aufgrund der ständigen Berichte und vor allem der dazu abgebenen Kommentaren herrscht unter den Flüchtlingen die Angst, dass Sigmaringen nur aus Rassisten bestehen könnte. Und er erzählte mir, dass auch er mittlerweile Angst hat und sich unwohl fühlt, nachts allein durch die Stadt oder nach Hause zu laufen. Er nimmt die in der Stadt angespannte und teils aggressive Grundhaltung Flüchtlingen gegenüber sehr gut wahr und fürchtet sich durchaus vor dem ein oder anderen Sigmaringer.

Dies zu erfahren hat mich echt nachdenklich und traurig gemacht. Ich finde es ehrlich gesagt erschreckend, dass Sigmaringen für Menschen, die hier um Hilfe bitten, mittlerweile ein Ort der Angst geworden ist. Und wenn das dann auch noch von N. kommt, der hier mittlerweile so eingebunden ist, dann macht mich das traurig. N. sagt von sich selbst, dass er sich nicht mehr als Flüchtling fühlt, schon eine ganze Weile nicht mehr. Und ich kann das sehr gut verstehen und sehe es ebenfalls so. N. hat eine eigene Wohnung, hat Arbeit, engagiert sich für seine Mitmenschen und hat hier Freunde gefunden. Er lebt ein ganz normales Leben, wie jeder andere hier auch.

Trotz derer, die ihm Angst machen, fühlt er sich als Sigmaringer, möchte die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen (wenn die vorgegebenen Jahre verstrichen sind) und ist hier einfach angekommen.

 

(Beitrag von: Jutta Wolf)