Asylnetz Sigmaringen

Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe in Zeiten von Corona. Wie ist das möglich? Wie sieht das aus?- Ein Erfahrungsbericht

20. Mai 2020

Erfahrungen zur Sprachpatenschaft in Zeiten sozialer Distanz:

„Mit Beginn der weitreichenden Kontaktbeschränkungen Mitte März konnte ich meinen Sprachpaten aus einer Gemeinschaftsunterkunft nicht mehr treffen. Damit war erstmal Funkstille. Im Email-Kontakt nach ca. 2 Wochen merkte ich, wie ihm die gemeinsamen Treffen fehlen und dass er großen Bedarf für einen Austausch hat. Zumal wir immer zusammen für den Führerschein gelernt haben und das auf Deutsch für ihn schon extrem schwer ist, so dass er viele Fragen und Antworten nicht versteht und er viele Erklärungen braucht. Die gab ich ihm in den Treffen über Zeichnungen, über Pantomime oder den Online-Übersetzer. Jetzt mussten andere Ideen her. Er kam selbst auf die Idee, dass wir uns am Handy treffen könnten und er mir die Führerscheinfragen als Bildschirmfoto über einen Nachrichtendienst schickt. So machen wir dies nun schon seit Wochen. An einem Handy telefoniert er, auf dem anderen hat er die Fragen und schickt sie mir. Dabei sind wir dann natürlich auf ein gutes, stabiles Internet angewiesen, was dann die nächsten Schwierigkeiten sind. Aber dem allem zum Trotz klappt es ganz gut. Ich muss ihm dann halt alles ohne Zeichnungen erklären und selbst der Online-Übersetzer nützt nichts, denn ich kann das persische Wort ja nicht vorlesen. Im Notfall mache ich dann davon ein Bildschirmfoto und schicke es zurück. Die Erklärungen gehen oft über eine sehr vereinfachte, oft grammatikalisch nicht korrekte Sprache, aber anders sind die Spitzfindigkeiten in den Antworten der Führerscheinfragen nicht zu erklären. So sagt er z.B. wenn sein Auto auf der Vorfahrtsstraße ist: meine Straße. Wenn er nicht auf der Vorfahrtsstraße ist: nicht meine Straße. Damit ist klar ausgedrückt, was er meint.

Auch über diese praktische Lernhilfe hinaus, empfinde ich die Telefonate als sehr wichtig, denn es herrschen über die ganzen, sich ständig ändernden Corona-Vorschriften bei den Flüchtlingen doch große Unsicherheiten. So sprechen wir jede Woche über die Neuerungen und ich kann Missverständnisse ausräumen, so z.B. dass man nicht schon bei Verlassen des Hauses auf der Straße die Gesichtsmaske aufsetzen muss, sondern erst, wenn man einen Laden betritt.

Auch wenn unsere virtuellen Treffen, dank der Technik soweit ordentlich funktionieren, ersetzen sie meiner Meinung nach nicht persönliche, leibliche Treffen, in denen man doch noch ganz anders, auch nonverbal kommunizieren kann. So hoffen wir, dass wir uns bald wieder richtig treffen können.“

Mirjam Zeiher, ehrenamtlich Engagierte beim Caritasverband Sigmaringen