Asylnetz Sigmaringen

Einblicke in ehrenamtliches Engagement in Zeiten von Corona

22. Mai 2020

„Bereits unmittelbar nachdem die Schulen am 17.März geschlossen wurden war klar, das wird nicht einfach. Von zwei Frauen wurde ich angesprochen und um Hilfe gebeten.

Am Beispiel der etwas intensiveren Betreuung  einer Familie bei der Vater und Mutter in Ausbildung sind und drei Kinder im Kindergarten kann ich ein paar Erfahrungen schildern. Mit Corona fielen zwar die vier Schultage für die Mutter flach – aber dafür waren drei quickfidele Kinder zu Hause. Der Vater, der seine Ausbildung bei einer Pflegeeinrichtung außerhalb macht und daher teilweise auch außerhalb wohnt, war an den nun nicht stattfindenden Schultagen zwar zu Hause – aber natürlich auch mit Hausaufgaben!

Ich denke, der erste  Hilferuf kam so eine Woche nach Schulschließung als die Schulen sich organisiert hatten und MOODLE aktiviert war. „Kannst Du mir sagen wie das geht, wie bekomme ich meine Aufgaben und wie schicke ich die Aufgaben an die Schule zurück“? Da war ich zuerst auch überfragt.  Aber immerhin habe ich einen PC und einen Drucker zu Hause. Mit einem Mobiltelefon – und nichts als einem Mobiltelefon ist Fernunterricht nicht machbar. Wäre – bei aller Notwendigkeit für einen raschen und kompletten Lockdown – am letzten Schultag nicht die Möglichkeit gewesen zu prüfen, ob die Schüler für diese Form von digitalem Unterricht ausgerüstet sind? Einen PC und einen Drucker findet man bei den Füchtlingsfamilien die ich kenne nicht. Man hätte doch auch den Postweg für den Austausch von Aufgabenblättern anbieten können! Im Zeitalter der Digitalisierung im High Tech Bundesland Baden-Württemberg sicher altmodisch und bieder – aber manchmal wäre das die bessere Variante gewesen.

Unerschrocken habe ich mich bei der Schule gemeldet und um einen Zugang zu MOODLE gebeten – das ging auch ganz unbürokratisch. Ein Lehrer hatte zur Aufgabe gemacht, die Seite 22 im Buch zu lesen und die dazugehörigen Aufgaben zu bearbeiten. Schien ganz einfach, aber da die Schüler der Berufsschule am Montag noch  im Betrieb waren und am Dienstag die Schule bereits geschlossen wurde, waren die Bücher im Schließfach in der Schule. Vielleicht gehen die Lehrer ja davon aus, dass alle Schüler die Bücher täglich mit nach Hause nehmen um abends noch zu lernen, vielleicht wurde den Schülern auch deutlich gesagt, dass die Bücher mit nach Hause genommen werden müssen aber  in  meinem Fall waren die Bücher nicht verfügbar. Und kaum zu glauben, als ich in der Schule anrief um zu fragen, ob ich die Bücher am nächsten Tag holen könnte hieß es NEIN! Da hätte ich mir doch eine andere Antwort gewünscht – aber Regeln sind eben Regeln! Natürlich gab es dann doch noch einen Schüler der das Buch zu Hause hatte und bei dem wir es ausleihen konnten – aber es war eben schon gleich kein guter Start.

Der zweite Lehrer hatte  eine Präsentation und Arbeitsblätter zum download bereitgestellt. Mit dem Ausdrucken konnte ich helfen – aber man sollte die ausgefüllten Arbeitsblätter dann scannen und in MOODLE einstellen.  Ich habe leider keinen Drucker mit dem man scannen kann. Wir haben die Arbeitsblätter also abfotografiert – aber das Fotoformat konnte  man nicht in MOODLE hochladen. Oder, ich muss präzisieren – ICH konnte es nicht, vielleicht wäre es technisch ja möglich gewesen. Also verschickten  wir die Fotos an die angegebene Kontakt-Mailadresse des Lehrers.  Das ging – und postwendend kam die Antwort, wir sollten doch das Arbeitsblatt direkt in MOODLE einstellen. Danke für den Hinweis! Einige Lehrer haben diesen Weg der e-mail Übermittlung akzeptiert, heute hat doch tatsächlich noch einer zurückgeschrieben, dass sein Postfach an der Schule voll sei und wir die Aufgabe doch in MOODLE einstellen sollen!

Ich habe vieles gelernt in den letzten Wochen.

Zusammen mit B.  habe ich einige Stunden beim Lernen zugebracht. Meist haben wir uns bei mir getroffen – bessere Arbeitsatmosphäre, keine Kinder. Ich habe erklärt, ermuntert, ermutigt und zugegeben – manchmal ist mir auch der Geduldsfaden gerissen – aber wir haben auch viel gelacht und auch richtig Freude am Lernen gehabt.  Wir haben die Hausaufgaben fast vollständig und in der vorgegebenen Zeit  geschafft, darauf hat B. großen Wert gelegt.  Eine ermunternde Rückmeldung des Lehrers hätte sie sicher gefreut. Manchmal hatte ich das Gefühl, eine richtig aufmerksame Schülerin zu haben die von sich selbst begeistert ist wenn sie etwas Neues richtig verstanden hat.  Aber für eine Klassenarbeit wird es nicht ausreichen. Denn verstehen ist eines – Widergeben wäre etwas ganz anderes. Da müsste man das Erarbeitete widerholen, neue Wörter lernen – und so eine Berufsausbildung erfordert das Lernen von unglaublich vielen Worten die mit den allgemeinen Sprachkursen für Flüchtlinge nicht das Geringste zu tun haben. Wie soll ich das Besondere einer Sinterprüfung erklären und fünf Minuten später die verschiedenen Stufen der Geschäftsfähigkeit.

Nicht alle Menschen können zu Hause mit ihren Büchern oder mit Hilfe von  Lernprogrammen alleine lernen. B. wollte die Pflicht erledigen –  war aber jedes mal auch froh, wenn die Hausaufgabe abgeschickt war. Für mehr  blieb ihr  keine Zeit. Denn zu Hause wartete auch noch der Haushalt mit den drei Kindern.

Wenn ich sehe, was von ihr verlangt wird, dann habe ich wirklich das Gefühl unglaublich viel Freiheit und Glück in meinem Leben zu haben – und das obwohl auch ich Vollzeit arbeiten muss.

Mir macht es immer noch Spaß, zu Unterstützen wo ich kann. Aber ich bin auch froh, dass die Schulen wieder langsam aufmachen!“

-Ehrenamtlich Engagierte beim Caritasverband Sigmaringen-